Pressemitteilung

27.11.2018

KEIN WEITER SO! // VÖLLIG NEUER LÖSUNGSANSATZ //
HOLZMARKT ÜBERGIBT AN UNABHÄNGIGEN 90-TAGE-RAT

DA ES MEHR ALS FÜNF JAHRE NACH ABSCHLUSS EINES STÄDTEBAULICHEN VERTRAGS
IMMER NOCH KEINE PLANUNGS- UND BAURECHTLICHE KLARHEIT FÜR DEN HOLZMARKT
GIBT, HAT SICH DIE GENOSSENSCHAFT HOLZMARKT 25 EG ENTSCHLOSSEN, DEN
BISHERIGEN WEG NICHT WEITER ZU BESCHREITEN. STATTDESSEN SOLL EIN
UNABHÄNGIGER 90-TAGE-RAT AUSLOTEN, WIE EINE LÖSUNG AUSSEHEN KÖNNTE.

Nach intensiven Konsultationen scheint uns ein Verfahren, das es seit langem erfolgreich im
australischen Adelaide gibt, geeignet um es in einer adaptierten Form für den Holzmarkt
anzuwenden. Denn wir haben es hier nach so vielen Jahren des Scheiterns offensichtlich mit einer
Problemstellung zu tun, bei der die üblichen Lösungsverfahren des politisch-bürokratischjuristischen
Aushandelns an Grenzen geraten sind.
„Seit Erwerb des Grundstücks und Beginn des Projekts sind sechs Jahre vergangen, die
Hängepartie hat schon jetzt einen Millionenschaden verursacht und zum Verlust des Erbbaurechts
auf dem Eckwerk-Grundstück geführt. Der gesamte Holzmarkt ist in seiner Existenz gefährdet.
Daher kann nur ein unabhängiges, stringentes und zeitlich begrenztes Verfahren wie dieses doch
noch zu einer Lösung führen“, so Mario Husten vom Vorstand der Genossenschaft Holzmarkt 25
eG.
Der Zustimmung zu diesem Verfahren waren im Holzmarkt intensive Gespräche vorausgegangen.
„Es ist uns nicht leicht gefallen zu erkennen, dass wir mit unseren Möglichkeiten nicht mehr
weiterkommen. Es ist ein Dickicht aus Gründen, das zu dieser Situation geführt hat, auch wir
haben sicher daran einen Anteil. Aber genau deshalb übergeben wir jetzt an den 90-Tage-Rat und
wünschen uns, dass alle Beteiligten konstruktiv eine mögliche Lösung ausloten. Wir werden das
Bestmögliche geben, um dazu beizutragen“, so Husten für die Genossenschaft.
Die Aufgabe des Verfahrens ist es, eine Lösung zu skizzieren, die so nah wie möglich an den
ursprünglichen Ideen für den Holzmarkt ist, sie soll transparent, objektiv realisierungsfähig sein
und von allen Beteiligten akzeptiert werden können. Der 90-Tage-Rat arbeitet unabhängig,
organisiert sich selbstständig und entscheidet allein, wie er dieses Ziel erreichen will. Da der
Holzmarkt nicht das einzige Projekt in Berlin ist, das nicht richtig vorankommt, ist dieses
Verfahren möglicherweise auch beispielgebend. Daher wäre es eine Chance für Berlin, wenn es
von allen wohlwollend begleitet würde.
Wir danken den Mitgliedern des 90-Tage-Rats, dass sie sich für diese Aufgabe zur Verfügung
stellen. Wir wissen, das ist nicht selbstverständlich.

Der 90-Tage-Rat besteht aus Prof. Barbara HoidnJohn Schierhorn und Wolfgang Wieland,
zum Auftakt ihrer Arbeit am heutigen 27. November 2018 beschreiben sie Motivation und Ziel
ihrer Aufgabe:
„Der Holzmarkt ist mit seiner besonderen Geschichte ein Projekt mit einer stadtweiten Bedeutung,
dessen Wahrnehmung sogar weit über die Grenzen Berlins hinausreicht. Es steht exemplarisch für
die kreative Freiheit, die diese Stadt immer wieder ausmacht. Seine Macherinnen und Macher
haben sich in den nun bald 15 Jahren des Bestehens permanent gewandelt und immer neue
Grenzen ausgelotet. Trotz gemeinwohlorientierter Stiftung im Rücken ist der Holzmarkt auf seinem
alten, neuen Grundstück nach sechs Jahren noch immer ohne ausreichendes Planungsrecht, das
von Anbeginn mit geplante Eckwerk gilt bereits als gescheitert. In dieser heiklen Situation wollen
wir als 90-Tage-Rat in einem innovativen Verfahren versuchen, die verfahrene Lage aufzulösen.
Der Holzmarkt hätte es verdient, an ein sicheres Ufer zu gelangen.“

Auf der heutigen Pressekonferenz haben sich mehrere direkt und indirekt an dem Projekt
Beteiligte verwundert gezeigt, wie es möglich ist, dass solch ein Projekt, dem anfangs allseits
Unterstützung zuteil wurde, in eine solche Situation geraten konnte.

Der Filmemacher Tom Tykwer, der auch Vorstand der Holzmarkt 25 Stiftung ist und den Writers‘
Room für seine gefeierte TV-Serie Babylon Berlin im Holzmarkt eingerichtet hat, sagte:

„Es ist ein Riesenglück, dass dieses Areal nicht in die Hände von Spekulanten gefallen ist. So
konnte sich hier das progressivste und zugleich durchgedrehteste Kollektiv einnisten. Hier gibt es
ein Gefühl von gelebter Utopie, eine Vision, die auf die nächsten 20 Jahre angelegt ist und sich
ständig weiterentwickeln will. Ein Sehnsuchtsort, an dem alternative Lebensformen
wirklichkeitsnah realisiert werden und unterschiedliche Wirkungsbereiche zusammenfinden.“

Der britische Stadtforscher Charles Landry hat mehrfach in Adelaide geforscht und dem
Holzmarkt die Idee zu dem 90-Tage-Verfahren vorgeschlagen, für ihn, der jüngst das Buch The
Creative Bureaucracy & ist Radical Common Sense veröffentlicht und das Creative Bureaucracy-
Festival in Berlin mitveranstaltet hat, ist klar, dass die Stadt sich den Herausforderungen anders
stellen sollte:

„Ich mache mir Sorgen, Berlin muss besser achtgeben auf Projekte und Räume wie den
Holzmarkt. Die Stadt befindet sich mitten in einem Transformationsprozess, der Kapitaldruck ist
gewaltig, ich habe in meinem Leben viele Orte gesehen, die totinvestiert wurden. Vorhaben wie
der Siemens-Innovationscampus sind essenziell für die Entwicklung der Stadt, aber für das
Lebensgefühl sind es Projekte wie der Holzmarkt auch. Beides gehört ganz oben auf die
Prioritätenliste der Politik. Und dies ist die Stunde für Creative Bureaucracy. Berlin weiß doch, wie
es geht! Bei Siemens brauchte man eine kluge Lösung für den Denkmalschutz. Das ist mit einer
Kraftanstrengung gelungen. Wo bleibt genau diese Kraftanstrengung beim Holzmarkt?“

Für die Architekten des Eckwerks aus den Büros von Graft und Kleihues+Kleihues, die in Berlin,
national und international vielfach ausgezeichnete Gebäude entworfen haben, ist es
enttäuschend, dass ausgerechnet in ihrer Heimatstadt dieser innovative Entwurf bisher in den
Wirren von Politik und Bürokratie steckengeblieben ist.

Jan Kleihues, Kleihues + Kleihues:
“Zwei sehr verschiedene Architekturbüros haben sich zusammengetan, um einen beispielhaften
Gebäudekomplex zu schaffen, der Antworten auf die sozialen, ökonomischen und ökologischen
Fragen unserer Zeit sucht. Die Kernidee ist es, einen inspirierenden und lebendigen Ort zu
schaffen, der neue Maßstäbe für die Beziehung zwischen Arbeit und Wohnen sowie Öffentlichkeit
und Privatsphäre schafft. Wir denken immer noch, dass Berlin genau ein solcher Ort guttun würde,
denn er böte konkrete Anschauung für die Debatte, wie wir künftig leben wollen.”

Wolfram Putz, Graft:
„Das Eckwerk sind 5 Holzhochhäuser, innerstädtisch, urban mit flexiblen Nutzungsthemen. Die
Akzeptanz des Holzbaus ist gewachsen, so dass man schon fast von einer Sehnsucht nach
urbanem Holz sprechen kann. Insofern finde ich, dass das Eckwerk richtig in der Zeit liegt, ein
Pionier ist und an vielen Barrieren dieser Welt rüttelt. Es ist noch gar nicht lange her, da wurden
wir international für unser Konzept ausgezeichnet – bei der Preisverleihung in Cannes war damals
der Berliner Stadtentwicklungssenator mit auf der Bühne. Es fällt mir schwer zu begreifen, warum
dennoch ein Projekt, das allseits gutgeheißen wurde, politisch nicht realisiert werden kann.“

DER 90-TAGE-RAT

Wolfgang Wieland ist Rechtsanwalt und langjähriger Politiker der Grünen, er war Berliner
Bürgermeister und Justizsenator im Senat von Klaus Wowereit, mehrfach Fraktionschef der
Grünen im Abgeordnetenhaus und als Sprecher für innere Sicherheit der grünen
Bundestagsfraktion zwei Legislaturperioden lang Mitglied des deutschen Bundestags.

Prof. Barbara Hoidn ist Architektin und Mitinhaberin des Berliner Büros Hoidn Wang Partner, sie
war von 1994 – 2000 Leiterin der Architekturwerkstatt des Berliner Senatsbaudirektors. Danach
neben zahlreichen eigenen Projekten umfangreiche Lehrtätigkeit in den USA (Rhode Island School
of Design, Graduate School of Design, Harvard University), sie ist derzeit Adjunct Associate
Professor des O’ Neil Ford Chair an der School of Architecture der University of Texas at Austin.

John Schierhorn ist ein langjähriger Hamburger Club-Betreiber (u.a. Waagenbau und Central
Park), Mitbegründer von Viva con Agua und des Hamburger Clubkombinats. Daneben ist er
professionell als Projektentwickler tätig und daher vertraut mit komplizierten
Genehmigungsfragen.

Berlin, 27. November 2018
Kontakt
buero [at] holzmarkt.com
0173 1324547